Albin Egger-Lienz malt im Passeiertal


„Schöne Köpfe“ und „lauter famose Gruppen“

Albin Egger-Lienz malt im Passeiertal

Zu einem der vielen Prominenten, die im Laufe der Zeit das Passeiertal besuchten, gehört auch der Maler Albin Egger-Lienz (1868 – 1926).

Bis heute genießt der gebürtige Osttiroler durch seine besondere Verarbeitung von hauptsächlich bäuerlichen und religiösen Themen weltweite Bekanntheit. 1913 ließ er sich mit seiner Familie zuletzt in St. Justina bei Bozen nieder. Im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918), dessen Ausbruch sich im Sommer zum 100. Mal jährt, rückte er als Standschütze an die Dolomitenfront.
Um sich für seine Gemälde inspirieren zu lassen, reiste Egger-Lienz oft in Tiroler Seitentäler, vor allem ins Ötz- und Sarntal. 1902 begab er sich für sein neues Bild zum Thema „Tiroler Aufstand von 1809“ erstmals ins Passeiertal, um eine passende Umgebung und entsprechende Modelle zu finden. Zur Zeit des Besuches von Egger-Lienz erlebte das bäuerlich geprägte Tal einen wirtschaftlichen Aufschwung, da es mit neuen Straßen erschlossen wurde. Bildhaftes Zeugnis über den Aufenthalt des bekannten Malers im Tal vor 112 Jahren gibt der Schriftverkehr mit seiner Frau Laura und Erinnerungen derselben. Am 2. Juni 1902 schrieb er an sie, beeindruckt von St. Martin: „Was ich in diesem Dorf an Häusermotiven sah, übertraf meine Erwartungen, lauter famose Gruppen, aus welchen ich bestimmt das geeignete für mein Bild finden werde; ich glaube, in Tirol gibt es wenig solche alterthümliche Orte. Zwei flüchtige Bleistiftskizzen nahm ich auf, die Hauptsache war indes sehen.“

Drei Tage später schrieb er an seine Frau, dass er am Markt in St. Martin „schöne Köpfe“ gesehen hat und für sein Gemälde „Nach dem Friedensschluß 1809“ in St. Leonhard „groß auzuzeichnen“ begann. Laura erinnerte sich: „Er [Egger-Lienz, Anm.] hatte sich in St. Leonhard […] zwischen der Kirche und dem Widum einen geeigneten Malplatz hergerichtet; auf einer Seite mit einer Holzplanke abgetrennt, lag er im Schatten und genügte vollkommen seinen Ansprüchen. Die Szenerie der Dorfgasse fand er in dem eine halbe Stunde entfernten St. Martin, wo wir in einem behäbigen Gasthofe wohnten, ringsum von lieblichen Wiesen, Äckern und kleinen Wäldchen umgeben.

So führten meine kleine Lorli und ich tagsüber in dem Dörfchen ein idyllisches Leben, aber der Höhepunkt des Tages war für uns beide gekommen, wenn wir gegen Abend die Straße taleinwärts dem Papa entgegengingen, und die stillen Abende auf unserem Söller gehörten zu den reinsten Freuden unseres damaligen Sommeraufenthaltes.“

Als Hauptmotiv für das Gemälde im Ausmaß von 191 × 330 cm nahm der Maler den „alten Auer“, einen Passeirer Bauern. Laut Laura Egger-Lienz hat ihr Mann mit dem „Auer“ einen „prachtvollen Kopf, wie er ihn sich nicht besser hätte wünschen können“ gewonnen.
Während seines Aufenthaltes in Passeier besuchte Egger-Lienz auch den letzten lebenden Zeitzeugen von Andreas Hofer. Der Maler schrieb am 16. Juni an seine Frau Laura: „Vorgestern machten wir zu 4 eine große Partie, wir besuchten nämlich einen 102 Jahre alten Mann, welcher noch als 9jähriger den Andreas Hofer gekannt hat. Der Mann ist zwar im Bett, ist aber vollständig geistesfrisch.“

Beim Zeitzeugen handelte es sich um Jakob Pichler aus Vernuer, der 1905 im Alter von 105 Jahren als ältester Tiroler starb. Pichler beobachtete als Junge den Transport des gefangenen Sandwirtes. Ende Juli 1902 verlegte Egger-Lienz den Aufenthalt mit seiner Familie nach St. Martin. Quellen aus dem Spätsommer sind nicht bekannt. Im Herbst brach die Frau des Künstlers mit ihrer Tochter wieder auf, da es für letztere in dem so „hochgelegenen Tal“ zu kalt wurde. An die Abfahrt im Morgengrauen erinnerte sich Laura:
„Es war herrlich schön, aber eiskalt; um 5 Uhr früh bestiegen wir, von meinem Mann fürsorglich bis zur Nasenspitze in Mäntel und Decken gehüllt, den Stellwagen, der uns nach mehrstündiger Fahrt nach Meran brachte, wo wir erst allmählich wieder auftauten. Mein Mann kehrte noch am selben Tag nach St. Leonhard zurück.“
Egger-Lienz blieb in Passeier, um das Gemälde „Nach dem Friedensschluß 1809“ fertig zu stellen. Am 8. November schrieb er an seine Frau, dass er in den nächsten Tagen abreisen werde und am Bild nicht mehr arbeitet: „Ich habe schon die Farben u. Binsel herein genommen um zu packen. Nun muß es ein paar Tage troknen.“

Da das Passeiertal bei Egger-Lienz Eindruck hinterließ, sollte es nicht lange dauern, bis er wieder einen Sommer lang im Tal weilte, um ein großformatiges Bild zu malen.

Heute befindet sich das Gemälde im Eigentum der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien. Das Gemälde ist vom 7. März bis 9. Juni in der Ausstellung „Totentanz: Egger-Lienz und der Krieg“ in der Orangerie des Belvedere und in der gleichen Ausstellung vom 15. Juni bis 26. Oktober auf Schloss Bruck bei Lienz zu sehen.

Manfred Schwarz

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